Heinrich Bechtolsheimer
Heinrich Bechtolsheimer

Über Heinrich Bechtolsheimer

Heinrich Bechtolsheimer, Pfarrer und gebürtiger Wonsheimer 1868-1950

 

Aufgewachsen im gemeinsamen Geburtsort des Pfarrers, Historikers, Chronisten und Erzählers Heinrich Bechtolsheimer habe ich erst nach meiner Rückkehr in unser Heimatdorf Wonsheim 1995 diesen schreibenden Seelsorger wiederentdeckt. Natürlich hatten seine Bücher meine Kindheit begleitet, aber eher im elterlichen Bücherschrank denn als Lektüre. Und so begann die Wiederentdeckung mit einigen Überraschungen.

 

In seinem Roman „ Zwischen Rhein und Donnersberg“, beschreibt er das dörfliche Leben in der Vergangenheit,

das für den Erzähler um etwa hundert Jahre zurücklag. Dennoch gab es Parallelen zu meinen Kindheitserlebnissen.

Hier traten sie mir entgegen - die Charaktere und Bräuche, die Schilderungen und Anekdoten aus den rheinhessischen Hügeln, an denen unsere Reben wachsen, den Weidebäumen, die sich wie kleine Brücken über das Wasser des Dunselbachs bücken, den Gärten, die sich ans Wasser ducken, den Pferden, die am Brunnen getränkt werden, den Nachbarn, die tratschen „eriwwer unn eniwwer üwer de Gardezaun“, das Nachtessen mit Bratkartoffeln, Buttermilch und Latwerschbrot. All die feinen kleinen Geschichten und

„ Stickelcher“ meiner heiß geliebten Urgroßmutter Juliane Heblich.

 

Heinrich Bechtolsheimer ist am 29.Oktober 1868 in Wonsheim geboren, am 18.05.1950 in Hannover verstorben und in seinem Geburtsort beerdigt. Seine Erzählungen, Romane und Geschichten orientiert er immer an der Realität, konnte sich somit der national geprägten Betrachtungsweise seiner Zeit widersetzen. Mit der packenden Beredsamkeit der Rheinhessen und mit der bewussten Verbundenheit zur Region zeigt er seine große Leidenschaft für die Menschen dieses Landstrichs.

 

In den ersten fünfzehn Jahren seines Leben liegen die Wurzeln und der Grundstock für seine Freude am Schreiben und die erzählerische Schaffenskraft. Als

„ Garten seines irdischen Paradieses“ beschreibt Bechtolsheimer seine Kindheit in Wonsheim. Sein Vater Wilhelm Bechtolsheimer aus Dittelsheim erhält 1859 die Stelle des Schulvikars in Wonsheim. Mutter Katharina, geb. Keim, stammt aus einer angesehnen örtlichen Familie, bringt einen kleinen Weinberg in der „Heerkrätz“ und Ackerland mit in die Ehe. Heinrich Bechtolsheimer wächst im Lehrerhaus an der Schmittpforte als ältestes von fünf Kindern auf, und lernt mit seinen Geschwistern schon früh den Umgang mit der bäuerlichen Arbeit kennen.

 

Und da ist die Verwandtschaft, der Onkel Jakob Keim etwa, von 1881 – 1891 Bürgermeister in Wonsheim, ein wunderbarer Erzähler, der sich in der Dorfgemeinschaft, mit ihren Traditionen und Bräuchen, den Streitereien und Familiengeschichten umfassend auskennt.

So erfährt der junge Bechtolsheimer Grundlegendes über das Leben der vergangenen Jahre in Rheinhessen. Er bewahrt diese Eindrücke und die daraus resultierende Kraft für seine Erzählungen.

 

Mit viereinhalb Jahren unterrichtet ihn sein Vater bereits in der Volksschule im Wonsheimer Rathaus. Mit elf Jahren wechselt er zur Privatschule nach Wöllstein, um Latein zu lernen. Das bedeutet, jeden Morgen um 7 Uhr nach Wöllstein zu laufen. Im April 1881, mit zwölf Jahren, wechselt er ins Gymnasium nach Bad- Kreuznach. Dort wohnt er bei einer Familie und muss nur noch am Wochenende den langen Fußmarsch nach Hause zurücklegen.

 

Diese Wanderungen werden zu einem Teil seines Lebens. So marschiert er unter anderem sieben Stunden durch das Appalbachtal bis nach

Ruppertsecken, dem höchst gelegenen Dorf in der Pfalz, mit Blick auf den Donnersberg. Hier wird seine spätere Erzählfigur Peter Witlinger in dem vorliegenden Roman

„ Ein pfälzischer Musikant“ aufwachsen.

Als Oberprimaner verfasst er bereits mit großer Leichtigkeit, aber auch Fleiß, seine ersten Artikel für Zeitungen. 1888 verlässt Bechtolsheimer das Gymnasium, studiert in Gießen Theologie. Dabei gilt sein Interesse nicht den großen theologischen Fragen, vielmehr richtet sich sein Blick auf die Nähe zu den Menschen. Er ist Seelsorger und entwickelt ein großes Zugehörigkeitsgefühl zu den Armen und Bedrückten seiner Zeit. Die nüchtern strenge Moralität seines Elternhauses ist dafür die Basis.

 

Nach drei Jahren Studium absolviert er 1891/92 sein Militärjahr beim Infanterieregiment im Mainzer Sand. Ab 1895 verwaltet Heinrich Bechtolsheimer als evangelischer Pfarrer die Landpfarrei Mainz. Damit zählt er zu einer konfessionellen Minderheit in den mehrheitlich katholischen Arbeitergemeinden um Mainz.

 

Hier entsteht 1903 seine erste große Erzählung

„ Zwischen Rhein und Donnersberg“, ein Dorfroman angesiedelt in der napoleonischen Zeit. „Das Hungerjahr“ folgt 1907, dazwischen wird „Rheinhessen

zur Zeit der Franzosenherrschaft 1792-1814“ aufgelegt.

 

In seine Zuständigkeit fällt auch die Betreuung der sozialdemokratisch gesinnten Industriearbeiter der Mainzer Vororte. Als Diaspora- Pfarrer in Mainz machte ihm diese Situation häufig zu schaffen: „ Auf Schritt und Tritt merkte ich, dass ich in der Diaspora war, in der Zerstreuung, in der Fremde.“ Als Student hatte sich Bechtolsheimer immer gewünscht, eine Landpfarrei zu übernehmen: “Ich sah die traute Dorfkirche, umgeben von Bäumen, und wohnte geistig schon in einem ländlichen Pfarrhaus , um das sich die Reben rankten und das im Schatten der alten Linden lag, ich sah den Pfarrgarten, in dem die Beete mit Buchs eingefasst waren, in dem Rosen, Nelken und Tulpen blühten und wo man in der Geißblattlaube , wenn die Tagesarbeit getan war, Goethe und Mörike lesen konnte.“

( Gonsenheimer Jahrbuch S.70)

 

Ein mit Sicherheit romantischer und verklärter Blick, den er letztendlich nicht in die Tat umsetzen wird. Nach seiner Mainzer Zeit bewirbt er sich nicht auf eine Landpfarrei, sondern übernimmt von 1908 bis 1938 die Stadtgemeinde Gießen. Somit verlässt er zusammen mit Frau und Tochter Rheinhessen. Im Gegensatz zur Romanfigur Adam Mühlbach aus„ Das Hungerjahr“, kehrt er nicht in seine Heimat zurück.

 

„Das Hungerjahr“, ein historischer Heimatroman, sein literarisch bedeutendstes und erfolgreichstes Werk, wurde 1907 vom Wiesbadener Volksbildungsverein in der Reihe „ Wiesbadener Volksbücher“ herausgegeben. Der Roman beschreibt die Katastrophe des Jahres 1816, als anhaltender Regen von Mai bis Oktober, verbunden mit Kälte und Hagel, die Ernten zerstörte und eine Hungersnot und Wirtschaftskrise auslöste. Es war der kälteste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnung,

der sogenannte „ Schneesommer “. Aus diesem historischen Stoff webt Bechtolsheimer die Figuren und das Geschehen in seinem Roman.

 

Zum historischen Heimatroman sagt der Literaturwissenschaftler und ehemalige Bürgermeiser von Wendelsheim Richard Wilhelm: „Bechtolsheimer hat öfters davon gesprochen, dass er in seinen Schriften keine weltanschaulichen Probleme lösen wolle, ihn interessiere, „wie die großen Weltbegebenheiten in das Leben schlichter Leute hineinrage“. Ein Schriftsteller macht es sich nicht leichter, wenn er sich auf die Darlegung einfacher Gefühle beschränkt, zugleich aber vergangenes Leben spiegeln und vergegenwärtigen will. Er braucht dazu eben einen Vorrat an Geschichtswissen und konkreter Volkskunde, vom Talent , der glücklichen Gabe des Erzählers, nicht zu reden…Dass der Erzähler sich mit seinem Verwandten, dem Geschichtsschreiber, so brüderlich verträgt und die Denk- und Lebensgewohnheiten eines Dorfes von 1816 sich so mühelos mit dem Gedanken und Gewohnheiten von 1907 verbinden, ist eben nur möglich, wenn der Abstand der Zeiten nicht zu groß ist und die Ferne noch nahe genug, begreiflich zu sein“.

 

 

Da sich Heinrich Bechtolsheimer 1908 nicht um eine Landpfarrei bemühte zeigt, dass er zur Heimat auch ein distanziertes Verhältnis hat. Der so gewonnene Abstand hat auf der anderen Seite aber sicherlich seinen Blick geschärft für dörfliches Geschehen. Die Entfremdung hielt ihn zur Reflexion an, zur beobachtenden Teilnahme am Geschehen und ließ den Prozess des Verstehens sich entwickeln.

 

Gießen war die hessische Universitätsstadt, Wiesbaden der Verlagsort der Volksbücher. Der Nabel der Welt war nicht das Appelbachtal, das spürte er schon früh, vielmehr vollzogen sich die großen Veränderungen in den Städten rechts des Rheins. Schließlich sind gerade die Erfahrung der Modernisierung, der Industrialisierung und die daraus resultierenden sozialen und gesellschaftlichen Probleme in der Mainzer Zeit Voraussetzung für den Gegenentwurf des

Heimatromans.

 

Sein erster Roman " Zwischen Rhein und Donnersberg" spielt zwischen 1808 und 1814, also zur Franzosenzeit, wirft somit den Blick aus französischer Perspektive auf die linksrheinischen Gebiete.
In diesem Roman schildert Bechtolsheimer das Leben in Wonsheim, von Herbst und Kerb, einem Ostermorgen, Oktoberabenden mit Birnenschälen bis hin zu weihnachtlichen Bräuchen. Er erzählt von Bauern, Handwerkern, dem fahrendem Volk auf der Landstraße: Siebmacher, Scherenschleifer, Geschirrkrämer,

Mühlärzten und Schauspielern. Viel Heimatkundliches und Historisches fließt in die Geschichten ein. Heinrich Bechtolsheimer hatte schon als Kind den Erzählungen der Alten des Dorfes aufmerksam gelauscht. Das spiegelt sich bereits in seinem ersten Roman wieder.

 

Von 1913 bis 1926 erscheinen drei Sammlungen von Geschichten aus seiner alten Heimat. Sie sind in einer Sammlung mit dem Titel „ Weizenähre, Rebenblatt und Tannenzapfen“ enthalten.

Heinrich Bechtolsheimer ist ein Chronist, ein Mensch, der das Leben Rheinhessens betrachtet, die sozialen Verknüpfungen aufspürt und beschreibt. Diese romanhafte Kulturgeschichte macht seine Bedeutung für die Literaturwissenschaft aus.

 

Die rheinhessische Realität und Mentalität verhindert, dass Bechtolsheimer die „Franzosenzeit“ einseitig aus der patriotischen Sicht betrachtet. Vielmehr gelangt er auch als national gesinnter Protestant im wilhelminischen Kaiserreich zu einer eher positiven Schilderung der napoleonischen Epoche und ihrer dauerhaften Wirkung auf das politische Denken in Rheinhessen.

 

Über das Leben Heinrich Bechtolsheimers in der Zeit zwischen 1933 und 1945 ist wenig bekannt, genauere Untersuchungen stehen noch aus.

Als Pfarrer betreute er bis zu seinem Ruhestand 1938, mit 70 Jahren, die Lukasgemeinde in Gießen.

Mitglieder der Lukasgemeinde meinen, er habe sich in dieser Zeit auf die Seite der von den Nationalsozialisten geförderten „Deutschen Christen" gestellt.

 

1950 stirbt Bechtolsheimer mit 81 Jahren in Hannover, wo seine Tochter lebte. Seine letzte Ruhestätte hat er auf eigenen Wunsch in seinem Geburtsort Wonsheim gefunden.

 

Kehrt er am Ende somit, wie sein Romanheld Mühlbach in „Das Hungerjahr“, doch wieder in die Heimat zurück?

 

Er selbst schreibt in seinem Todesjahr 1950 in seinen Erinnerungen an die Kindheit: „Jetzt, da ich alt bin, denke ich oft an diese alten Gassen zurück. Mehrere Häuser stehen dort, die ganz abseits von der Gasse im Hintergrund der Hofreite liegen, jeder Sicht neugieriger Menschen entzogen. Dort hätte ich gerne meine Tage beschlossen.“

 

Carola Cernavin-Haupt

Aktuelles

Die Bücher von

Heinrich Bechtolsheimer

mit den Titeln:

- Zwischen Rhein und

  Donnersberg

- Weizenähre Rebenblatt

  und Tannenzapfen

- Das Hungerjahr

- Ein pfälzischer Musikant

- Rheinisches Land und

   rheinische Leute

sind im Buchhandel erhältlich.

Das Logo wurde von Mary White für den Bechtolsheimer Kreis gestaltet. In dankbarer Erinnerung an Mary  Sie wurde am 01.10.1926 geboren und ist am 24.06.2013 im Alter von 87 in Wonsheim verstorben. Das Logo wurde von Mary White für den Bechtolsheimer Kreis gestaltet. In dankbarer Erinnerung an Mary Sie wurde am 01.10.1926 geboren und ist am 24.06.2013 im Alter von 87 in Wonsheim verstorben.

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